Der Gender Pension Gap ist in Deutschland ein massives Problem – und die meisten Menschen wissen nicht, wie groß er wirklich ist. Während der Gender Pay Gap (der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen) bei etwa 16 Prozent liegt, beträgt der Gender Pension Gap 27 bis 32 Prozent.[1][2] Das bedeutet: Frauen erhalten im Alter deutlich weniger Rente als Männer – und dieser Unterschied ist fast doppelt so groß wie der Lohnunterschied.
In diesem Artikel erfährst du, was die aktuellen Studien zum Gender Pension Gap zeigen, warum er größer ist als der Gender Pay Gap und was das konkret für deine eigene Altersvorsorge bedeutet.
Die Zahlen: Wie groß ist der Gender Pension Gap wirklich?
Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) liegt der Gender Pension Gap im Alter von 60 Jahren bei 32 Prozent.[1] Das bedeutet: Frauen erhalten durchschnittlich ein Drittel weniger gesetzliche Rente als Männer.
Das Statistische Bundesamt beziffert den Gender Pension Gap für das Jahr 2023 mit 27,1 Prozent (inklusive Hinterbliebenenrenten) bzw. 39,4 Prozent bei ausschließlicher Betrachtung der eigenen Alterssicherungsleistungen.[3] Das WSI GenderDatenPortal der Hans-Böckler-Stiftung kommt für 2023 auf einen Gender Pension Gap von 43 Prozent, wenn alle drei Säulen der Altersvorsorge (gesetzliche Rente, betriebliche Altersversorgung, private Vorsorge) berücksichtigt werden.[4]
Die genaue Zahl variiert je nach Berechnungsmethode und Datenquelle – ob Hinterbliebenenrenten einbezogen werden, welche Alterssicherungssäulen berücksichtigt werden oder welche Altersgruppe betrachtet wird. Aber eines ist klar: Der Gender Pension Gap ist erheblich größer als der Gender Pay Gap, der aktuell bei etwa 16 Prozent liegt.[1]
Die erschreckende Wahrheit
Während Frauen im Erwerbsleben 16 Prozent weniger verdienen, erhalten sie im Alter 27-32 Prozent weniger Rente. Die Rentenlücke ist fast doppelt so groß wie die Lohndifferenz – und das ist kein Zufall.
Was verursacht den Gender Pension Gap?
Der Gender Pension Gap entsteht nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch mehrere Ursachen, die sich über das gesamte Erwerbsleben summieren:
1. Der Gender Pay Gap überträgt sich direkt auf die Rente
Da die gesetzliche Rente direkt von den eingezahlten Beiträgen abhängt, überträgt sich der Lohnunterschied eins zu eins auf die Rentenansprüche. Wer weniger verdient, zahlt weniger ein – und bekommt später weniger Rente. Das erklärt bereits einen Teil des Unterschieds.
2. Erwerbsunterbrechungen durch Kinderbetreuung
Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger wegen Kinderbetreuung als Männer. In dieser Zeit zahlen sie keine oder nur geringe Rentenbeiträge. Diese Erwerbsunterbrechungen wirken sich langfristig massiv auf die Rentenansprüche aus – besonders, wenn Frauen nach der Elternzeit in Teilzeit arbeiten oder ihre Karriere nicht vollständig wieder aufbauen können.
3. Teilzeitarbeit nach der Elternzeit
Viele Frauen arbeiten nach der Elternzeit in Teilzeit, während Männer ihre Vollzeitkarriere fortsetzen. Teilzeitarbeit bedeutet niedrigere Rentenbeiträge – und damit langfristig deutlich weniger Rente. Diese Teilzeitphasen können Jahrzehnte andauern und summieren sich zu erheblichen Rentenverlusten.
4. Karrierenachteile durch Elternzeit
Elternzeit und Teilzeitarbeit führen oft zu langfristigen Karrierenachteilen: weniger Gehaltserhöhungen, weniger Beförderungen, weniger Weiterbildungsmöglichkeiten. Diese Nachteile wirken sich nicht nur kurzfristig aus, sondern über das gesamte Erwerbsleben – und damit auch auf die Rentenansprüche.
Der Motherhood Pension Gap: Besonders Mütter sind betroffen
Besonders dramatisch ist der sogenannte Motherhood Pension Gap – der Rentenunterschied zwischen Müttern und kinderlosen Frauen. Laut der DIW-Studie liegt dieser Gap in Westdeutschland bei 27 Prozent.[1] Das zeigt: Es sind nicht nur Frauen generell benachteiligt, sondern Mütter ganz besonders.
Die Studie zeigt auch, dass die Rentenansprüche mit steigender Kinderzahl deutlich sinken – besonders im Westen Deutschlands. Für Frauen, die zwischen 1952 und 1959 geboren wurden, zeigt sich ein klares Muster: Je mehr Kinder, desto niedriger die Rentenansprüche.[1]
Was ist der Motherhood Pension Gap?
Der Motherhood Pension Gap misst den Unterschied zwischen den Rentenansprüchen von Müttern und kinderlosen Frauen. Er zeigt, wie sehr Kinderbetreuung die Altersvorsorge von Frauen beeinträchtigt – auch nach Anrechnung von Kindererziehungszeiten.
Warum reichen Kindererziehungszeiten nicht aus?
Seit 1986 gibt es in Deutschland Kindererziehungszeiten als Ausgleichsmechanismus. Für Kinder, die nach 1992 geboren wurden, werden bis zu 36 Monate (drei Jahre) angerechnet.[2] Das klingt nach einem guten Ausgleich – ist aber nur begrenzt wirksam.
Ein Jahr Kindererziehung erhöht die Rente derzeit um etwa 40 Euro monatlich – drei Jahre also um rund 118 Euro pro Monat.[2] Das ist zwar etwas, aber bei weitem nicht genug, um die langfristigen Rentenverluste auszugleichen.
Das Problem: Kindererziehungszeiten werden nur für die ersten Jahre nach der Geburt angerechnet. Sie kompensieren nicht:
- die langfristigen Verdienstausfälle durch Teilzeitarbeit nach der Elternzeit
- die Karrierenachteile, die durch Erwerbsunterbrechungen entstehen
- die niedrigeren Rentenbeiträge über Jahrzehnte hinweg
- die langfristigen Auswirkungen auf Gehaltsentwicklung und Beförderungen
Die DIW-Studie macht deutlich: Kindererziehungszeiten können den Rentennachteil von Müttern nicht ausgleichen.[1] Sie mildern die Unterschiede zwar ab, schließen die Lücke aber nicht.
Was bedeutet das konkret für dich?
Die Zahlen sind abstrakt – aber sie haben konkrete Auswirkungen auf dein Leben. Hier ein Beispiel:
Beispiel: Anna verdient normalerweise 60.000 Euro brutto pro Jahr (= etwa 1,19 Rentenpunkte pro Jahr). Sie nimmt 3 Jahre Elternzeit ohne zu arbeiten und arbeitet danach 10 Jahre lang in 50% Teilzeit, bevor sie wieder voll einsteigt.
- Ohne Elternzeit: 3 × 1,19 = 3,57 Rentenpunkte
- Mit Elternzeit (nur Kindererziehungszeiten): 3 × 1,0 = 3,0 Rentenpunkte
- Verlust durch Elternzeit: 0,57 Rentenpunkte
- Zusätzlich: 10 Jahre Teilzeit statt Vollzeit = weitere 5,95 Rentenpunkte Verlust
- Gesamtverlust: etwa 6,52 Rentenpunkte
- Das entspricht: etwa 266 Euro weniger Rente pro Monat
- Über eine durchschnittliche Rentenbezugsdauer von 19 Jahren: ein Verlust von über 60.000 Euro
Praxis-Tipp
Nutze den Rentenausgleichrechner, um die konkreten Auswirkungen deiner Elternzeit-Entscheidungen auf deine Rente zu berechnen. So siehst du genau, welche langfristigen finanziellen Konsequenzen deine Entscheidungen haben.
Die drei Säulen der Altersvorsorge: Wo ist die Lücke am größten?
Der Gender Pension Gap zeigt sich unterschiedlich stark, je nachdem welche Säule der Altersvorsorge betrachtet wird. Das WSI GenderDatenPortal zeigt für 2023:[4]
- Gesetzliche Rentenversicherung: 31 Prozent Unterschied in Westdeutschland, 5 Prozent in Ostdeutschland
- Betriebliche Altersversorgung: 43 Prozent Unterschied in Westdeutschland, 4 Prozent in Ostdeutschland
- Private Altersvorsorge: 56 Prozent Unterschied in Westdeutschland, 40 Prozent in Ostdeutschland
Besonders dramatisch ist die Lücke bei der privaten Altersvorsorge – hier ist der Unterschied am größten. Das zeigt: Frauen haben nicht nur weniger gesetzliche Rente, sondern auch deutlich weniger Möglichkeiten, privat vorzusorgen.
Armutsgefährdung im Alter: Die konkreten Folgen
Die niedrigeren Renten haben konkrete Folgen: Laut Statistischem Bundesamt sind 20,8 Prozent der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet, während es bei Männern nur 15,9 Prozent sind.[3] Das bedeutet: Fast jede fünfte Frau im Rentenalter ist von Armut bedroht – deutlich mehr als bei Männern.
Konkret bedeutet das: Frauen ab 65 Jahren erhalten durchschnittlich 18.700 Euro brutto jährlich aus Alterseinkünften, während Männer 25.600 Euro erhalten.[3] Das ist ein Unterschied von fast 7.000 Euro pro Jahr – über eine durchschnittliche Rentenbezugsdauer von 19 Jahren sind das über 130.000 Euro weniger für Frauen.
Warum ist das ein strukturelles Problem?
Der Gender Pension Gap ist nicht das Ergebnis individueller Fehlentscheidungen von Frauen. Er ist ein strukturelles Problem, das durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen entsteht:
- Ungleiche Verteilung der Sorgearbeit: Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit
- Fehlende Kinderbetreuung: Viele Frauen können nicht voll arbeiten, weil es nicht genug Betreuungsplätze gibt
- Steuerliche Anreize: Das Ehegattensplitting begünstigt traditionelle Rollenverteilungen
- Arbeitswelt: Viele Jobs sind nicht familienfreundlich gestaltet
- Gesellschaftliche Erwartungen: Es wird immer noch erwartet, dass Frauen die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung tragen
Diese strukturellen Faktoren führen dazu, dass Frauen häufiger ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder reduzieren – und damit langfristig weniger Rente erhalten.
Was müsste sich ändern?
Das DIW Berlin fordert weitere sozial- und steuerpolitische Maßnahmen, um eine gleichberechtigte Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zu fördern:[1]
1. Ausbau der Kinderbetreuung
Mehr und flexiblere Betreuungsplätze würden es Frauen ermöglichen, früher und umfangreicher wieder in den Beruf einzusteigen. Das würde die Erwerbsunterbrechungen verkürzen und die Rentenansprüche erhöhen.
2. Reformen des Ehegattensplittings
Das Ehegattensplitting begünstigt traditionelle Rollenverteilungen, bei denen ein Partner (meist der Mann) voll arbeitet und der andere (meist die Frau) weniger oder gar nicht. Eine Reform könnte Anreize schaffen, dass beide Partner erwerbstätig sind.
3. Reformen der Minijob-Regelungen
Viele Frauen arbeiten in Minijobs, die keine oder nur geringe Rentenbeiträge mit sich bringen. Eine Reform könnte sicherstellen, dass auch geringfügige Beschäftigungen rentenrechtlich besser abgesichert sind.
4. Umbau der Arbeitswelt
Die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden: flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das würde es beiden Partnern ermöglichen, Erwerbs- und Sorgearbeit gleichberechtigt zu teilen.
Was kannst du persönlich tun?
Während strukturelle Veränderungen Zeit brauchen, kannst du als Paar schon jetzt aktiv werden:
1. Berechnet die langfristigen Auswirkungen
Nutzt den Rentenausgleichrechner, um zu sehen, welche langfristigen Rentenverluste durch eure Elternzeit-Entscheidungen entstehen. Nur wenn ihr die Zahlen kennt, könnt ihr fundierte Entscheidungen treffen.
2. Plant einen fairen Ausgleich
Wenn eine Person mehr Elternzeit nimmt oder in Teilzeit geht, sollte es einen Ausgleich geben – zum Beispiel durch Ausgleichszahlungen oder zusätzliche Rentenbeiträge. Der Gehaltsausgleichrechner hilft euch dabei, die faire Höhe zu berechnen.
3. Teilt die Elternzeit fair auf
Eine faire Aufteilung der Elternzeit zwischen beiden Partnern kann helfen, die Rentenverluste zu minimieren. Wenn beide Partner Elternzeit nehmen, verteilen sich die Erwerbsunterbrechungen – und damit auch die Rentenverluste.
4. Plant den Wiedereinstieg strategisch
Überlegt euch gemeinsam, wie der Wiedereinstieg nach der Elternzeit aussehen soll. Kann eine Person früher wieder voll einsteigen? Gibt es Möglichkeiten für flexible Arbeitszeiten? Je früher beide wieder voll arbeiten, desto geringer sind die langfristigen Rentenverluste.
5. Private Altersvorsorge aufstocken
Wenn eine Person langfristig weniger Rente bekommen wird, sollte die private Altersvorsorge entsprechend aufgestockt werden. Das kann durch Ausgleichszahlungen während der Elternzeit oder durch zusätzliche Rentenbeiträge geschehen.
Fazit: Der Gender Pension Gap ist real – aber du kannst etwas dagegen tun
Der Gender Pension Gap von 27-32 Prozent ist keine abstrakte Statistik – er hat konkrete Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Frauen. Die Zahlen zeigen: Frauen erhalten im Alter deutlich weniger Rente als Männer, und dieser Unterschied ist fast doppelt so groß wie der Lohnunterschied.
Das Problem ist strukturell – aber das bedeutet nicht, dass du als Einzelperson machtlos bist. Indem ihr als Paar die langfristigen Auswirkungen eurer Entscheidungen berechnet, einen fairen Ausgleich plant und die Elternzeit fair aufteilt, könnt ihr die Rentenverluste minimieren und langfristig für beide Partner eine faire Altersvorsorge sicherstellen.
Wichtig ist: Redet darüber. Viele Paare wissen nicht, welche langfristigen finanziellen Konsequenzen ihre Elternzeit-Entscheidungen haben. Nutzt die Rechner, um die Zahlen zu sehen – und trefft dann bewusste, informierte Entscheidungen, die für euch beide fair sind.
Wichtig
Der Gender Pension Gap ist ein strukturelles Problem, das nur durch gesellschaftliche Veränderungen vollständig gelöst werden kann. Aber als Paar könnt ihr schon jetzt aktiv werden, um die Auswirkungen auf euer Leben zu minimieren.
Quellenverzeichnis
- [1] Peter Haan, Michaela Kreyenfeld, Sarah Schmauk, Tatjana Mika (2025): „Rentenansprüche von Frauen bleiben mit steigender Kinderzahl deutlich hinter denen von Männern zurück“. DIW Wochenbericht 12/2025 – diw.de
- [2] wa.de/Merkur (2025): „Punkte für Elternzeit: Wie die Kindererziehung Ihre Rente beeinflusst“ – wa.de
- [3] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): „Gender Pension Gap 2023: Alterseinkünfte von Frauen 27,1 % niedriger als die von Männern“. Pressemitteilung vom 11.04.2024 – destatis.de
- [4] WSI GenderDatenPortal (Hans-Böckler-Stiftung): „Gender Pension Gap bei eigenen Alterssicherungsleistungen 1992–2023“ – wsi.de